Im Zeitalter des Barock und Rokoko war Tanz ein essenzielles Element des gesellschaftlichen Lebens – und zwar quer durch alle Gesellschaftsschichten. Daher sollte jeder, der diese Zeit ernsthaft darstellen will, zumindest einige tänzerische Grundlagen erlernen. Der Aufwand ist natürlich je nach dargestellter gesellschaftlicher Schicht, dargestellter Zeit und gewünschter Darstellungsqualität unterschiedlich, aber in der Regel ist der Zeitaufwand vergleichbar mit einem modernen Tanzkurs.

Die heutige Barock- und Rokokoball Wirklichkeit

Wer nach dem Besuch von einigen Bällen von kommerziellen Veranstaltern oder in der Reenactmentszene glaubt, bereits seine Zeit perfekt tanzend darstellen zu können, den muss ich zunächst etwas enttäuschen – was auf Bällen geboten wird, ist zwar oft schon einmal ein Anfang, aber meist stammen die Tänze nicht aus der dargestellten Zeit und in der Regel wird dort auf jede Schritttechnik verzichtet. Das liegt leider zum einen am dem oft geäußerten falschen Anspruch, dass man auf einem historischen Ball „Tänze zum einfach so mittanzen“ (= ohne jede Vorkenntnisse) haben will. Selbstverständlich hatten Ballbesucher im 17ten und 18ten Jahrhundert die entsprechenden Vorkenntnisse und zumindest einen Teil der Vorkenntnisse zu erlangen, die ein Mensch der damaligen Zeit hatte, gehört zu jeder guten historischen Darstellung. Zum anderen liegt das leider oft auch an der Bequemlichkeit der „Tanzmeister“ auf heutigen Bällen – Einspielungen aus Playford 1651 nebst fertig aufbereiteter Tanzbeschreibungen gibt es zuhauf; ein Programm z.B. mit Tänzen aus den 1770er Jahren zu gestalten, erfordert hingegen deutlich mehr Aufwand und Wissen. Im schlimmsten Fall finden sich bei „historischen“ Tanzveranstaltungen Tänze, die aus dem 19ten oder 20sten Jahrhundert stammen oder gar direkt aus einem Film abgekupfert wurden – das hat dann eher etwas mit der Tanzanimation im Cluburlaub zu tun als mit dem echten Tanz der dargestellten Zeit.

Ich möchte diesen Missstand ändern, denn es ist mit einem wirklich überschaubaren Aufwand möglich, sich die notwendigen Grundlagen anzueignen. Insbesondere Reenactors, die viel Zeit und Geld in eine historisch akkurate Darstellung investieren, sollten sich nicht mit Tänzen abspeisen lassen, die weder choreographisch noch musikalisch in ihre Zeit passen. Je mehr Leute die Grundlagen des Tanzes ihrer dargestellten Zeit beherrschen, desto einfacher ist es, etwas an den heutigen Barock- und Rokokobällen zum Besseren zu verändern.

Die Reihe für Reenactors

In Rahmen meines allgemeinen Programms habe ich für jedes Jahrhundert einige spezielle Wochenendseminare integriert, die sich insbesondere auch an die Bedürfnisse von Reenactors richten. Die Idee ist, dass man sich innerhalb von einem Jahr oder innerhalb von zwei Jahren an vier Wochenenden die wichtigsten Grundlagen des Tanzes für die eigene Darstellungszeit aneignen kann. Die Seminare werden immer mit dazugehörigem, meist umfangreichem Schulungsmaterial begleitet. Man kann sie entweder in Frankfurt besuchen, oder man kann mich auch als Lehrer für die Reenactmentgruppe zum Unterricht vor Ort engagieren. Bei einem Unterricht vor Ort ist es natürlich möglich, dass ich das Konzept an die jeweiligen Bedürfnisse der Gruppe anpasse. Die Reihe ist für Anfänger ohne Vorkenntnisse im Barocktanz geeignet und ein Einstieg in die Reihe ist jederzeit möglich.

Was sollte ein 18te Jahrhundert Darsteller können?

Für das 18te Jahrhundert haben wir eine Vielzahl von Quellen und Tanztraktaten, in manchen Zeiten ist die Quellenlage etwas dünner, aber insgesamt kann man durchaus den Tanz auf das Jahrzehnt genau darstellen. Die notwendigen Grundfähigkeiten im Tanz ziehen sich quer durch das Jahrhundert. Taubert schreibt 1717: „So muß hernachmals die Menuet, als welche ein recht lustiger und allenthalben gebräuchlicher, ja zu dieser Zeit der allerliebste Tanz ist, so gar, daß fast in gantz Europa bay allen Assembléen, ausser der alten Passepied und einigen Englischen Tänzen, nichts, als die Menuett, getantzet…“ – für das frühe 18te Jahrhundert sollte man also in jedem Fall das Menuett (als Z-Menuett) beherrschen und die Englischen Tänze (Longways) in ihrer französischen Verfeinerung als Contredanses. Zeitgleich zu Taubert werden in Frankreich bereits die Cotillons äußerst beliebt. Am häufigsten wird in Deutschland das Rokoko dargestellt - auch auf dem Ball in Goethes Werther, der uns als Vorbild für die Zeit dienen kann, wird Menuett getanzt, daneben Englische Tänze und „Deutsch“. Feldtenstein erwähnt 1772 neben dem Menuett auch die in der Zeit gebräuchlichen Nationaltänze (Englisch, Deutsch, Schwäbisch, Polnisch etc.), was unser Reenactors Programm für das 18te Jahrhundert zu vier Wochenendseminaren vervollständigt: Longways – Cotillons – Menuett – Nationaltänze.

Inhalt der Tage / Wochenenden für das 18te Jahrhundert

Longways - Englische Tänze

Auf heutigen Barock- und Rokokobällen findet man am häufigsten Longways, oft ist es dort sogar die einzige angebotene Art von Tänzen. Und tatsächlich, die Englischen Tänze beginnen auch in Deutschland spätestens im frühen 18ten Jahrhundert ihren Siegeszug. Das Longway Wochenende gibt einen kleinen geschichtlichen Überblick zur Entwicklung des Tanzes von der Mitte des 17ten Jahrhunderts bis ins späte 18te Jahrhundert. Es stehen dabei Tänze mit den verschiedenen Arten von Progression auf dem Programm. Wir lernen die dazugehörigen grundlegenden Schritte und wie diese sich im Lauf von 150 Jahren verändern. Und wir lernen natürlich eine Reihe von typischen Figuren.
Nächster Termin: 18.-19. Mai 2019

Cotillons – Contredanse française

Anders als Longways findet man die im 18ten Jahrhundert überaus beliebten Cotillons praktisch nie auf heutigen Barock- und Rokokobällen. Manchmal verirrt sich zumindest ein Vorläufer davon aus den einschlägigen Playford Publikationen des 17ten Jahrhunderts dort hin. Auch hier steht wieder ein Überblick zur geschichtlichen Entwicklung dieser Contredanses, von den Vorläufern im 17ten Jahrhundert bis ins späte 18te Jahrhundert, auf dem Programm. Den Startschuss für die Verbreitung von Cotillons setzte Feuillet mit einem ausnotierten Cotillon in einer Sammlung von Tänzen für das Jahr 1705. Die Tänze sind fast noch einfacher als Longways, da man innerhalb des Tanzes seine Rolle nicht wechseln muss. Die Schritte, die wir an diesem Wochenende dafür erlernen und sogar einige Figuren sind die gleichen wie bei den Longways. Durch die andere Raumformation ergeben sich aber auch andere Figuren und statt Wiederholungen mit einer Progression wird hier der Tanz durch ein Strophen – Refrain System in die Länge gezogen.
Nächster Termin: 12.-13. Oktober 2019

Menuett

Das Menuett beherrschte die Ballsäle im späten 17ten und im 18ten Jahrhundert wie der Walzer die Tanzveranstaltungen im 19ten Jahrhundert – hingegen auf heutigen Barock- und Rokokobällen: Fehlanzeige. Getanzt wurde hier als Paartanz ein Z-Menuett, wobei mehrere Paare gleichzeitig auf der Tanzfläche unterwegs sein konnten. Hat man erst einmal den Menuettschritt verinnerlicht, ist der Tanz im Grunde schnell erlernt. Allerdings besteht die Möglichkeit, sich durch vielfältige Schrittvariationen in Szene zu setzen. Neben dem Z-Menuett gibt es auch durchchoreographierte Menuette und manchmal wird der Menuettschritt auch in Longways und Cotillons verwendet – auch davon stehen Beispiele auf dem Programm.
Nächster Termin: 19.-20. Januar 2019

Nationaltänze

Manch ein heutiger Rokokoball wird mit einer Polonaise eröffnet, das ist für das späte 18te Jahrhundert durchaus in Ordnung. An diesem Wochenende wird der passende Schritt dazu erlernt. Unser Werther ergötzte sich mit seiner Lotte am Wickeln und Walzen beim Deutschen Tanz – das finden wir auf heutigen Bällen wiederum nicht. Die Allemandenwicklungen erfreuten sich im späten 18ten Jahrhundert allerdings nicht nur in Deutschland großer Beliebtheit – wir beschäftigen uns mit dieser Form des deutschen Tanzes. Ansonsten ist die Quellenlage für die Rekonstruktion von Nationaltänzen leider recht bescheiden, so dass nur der Samstag damit gefüllt wird – am Sonntag gibt es zur Auffrischung Contredanses.
Nächster Termin: -


Was sollte ein 17te Jahrhundert Darsteller können?

Auch wenn das 17te Jahrhundert in Deutschland seltener dargestellt wird, kann Tanz die Darstellung deutlich bereichern. Für die Barockzeit im 17te Jahrhundert ist die Quellenlage leider sehr dünn, es gibt (mit Ausnahme des Spezialfalls England) nur wenige Choreographien und Tanztraktate. Für die Darstellung müssen wir daher den Tanz aus den Quellen des 18ten Jahrhunderts rückadaptieren. Was wir übertragen können, ist dabei technisch deutlich anspruchsvoller als das, was der durchschnittliche 18te Jahrhundert Darsteller können muss – wer das 17te Jahrhundert ernsthaft tänzerisch darstellen will, kommt um den Solopaartanz nicht herum. Ein rares Beispiel für eine Quelle aus dem 17ten Jahrhundert ist I.G.P.s „Kurtze doch Gründliche Unterrichtung...“ von 1659, die Schrittsequenzen für drei Sarabanden, zwei Couranten und einen Branle enthält. Das Menuett war bei I.G.P. noch kein Thema, startet aber in den nächsten Jahrzehnten unaufhaltsam seinen Siegeszug. Branles dienten üblicherweise zur Balleröffnung, danach standen Solopaartänze auf dem Programm – auf einem Hofball tanzte dann immer nur ein Paar, ab dem sehr späten 17ten Jahrhundert hielten Contredanses ihren Einzug.

Das Programm für das 17te Jahrhundert

Auf dem Programm für ein 17te Jahrhundert Darsteller stehen als einfachste Tänze Branles, die in der Gruppe getanzt werden, ansonsten sollte das Menuett und die Courante als Paartanz beherrscht werden, zusätzlich empfiehlt es sich, einige der auschoreographierten Solopaartänze zu erlernen – möglichst Tänze, die nur in Manuskripten zu finden sind, Musik aus dem 17ten Jahrhundert verwenden und deren Choreographie von ihrer Struktur auf einen alten Tanz hinweist. Explizite Kurse für das 17te Jahrhundert biete ich nur auf Nachfrage an – idealerweise intensiv in einer Tanz- oder Reenactmentgruppe, die diese Zeit darstellen will. Als Menuett Kurs kann man gut das Z-Menuett nach Taubert verwenden, das ich in diesem Jahr anbiete. Ansonsten empfiehlt es sich, die Kurse zu besuchen, in denen Solopaartänze aus dem frühen 18ten Jahrhundert angeboten werden, um sich die Technik anzueignen.